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Christa kümmert sich

Wer Christa Commer kennt, würde nicht im Traum vermuten, dass dieses resolute Energiebündel früher eher still und schüchtern war. Die Quadrath-Ichendorferin wird nicht müde, sich für andere einzusetzen und macht sich selbst und ihren Schützlingen durch ihr ehrenamtliches Engagement das größte Geschenk. Für die städtische Integrationsbeauftragte Karin Neugebauer ist die vielseitig Talentierte ein „absoluter Glücksfall“. „Integration gelingt nur gemeinsam“, freut sich Karin Neugebauer über die willkommene Unterstützung aus der Bürgerschaft, ohne die viele städtische Projekte nicht denkbar wären.

Geschieden, kinderlos und krankheitsbedingt jäh aus dem Berufsleben gerissen stand die damals 63jährige Christa Commer plötzlich vor einem schwarzen Loch. „Ich habe immer gern gearbeitet“, sagt die Rentnerin wider Willen, die 17 Jahre lang Assistentin in einer großen Kölner Anwaltssozietät war. Aufgrund der außergewöhnlichen Arbeitszeiten auch an Wochenenden und Feiertagen waren ihre sozialen Kontakte zum größten Teil weggebrochen. Nachdem auch noch ihr Vater verstarb, musste eine neue Aufgabe her. Dass die gebürtige Niederaußemerin sich nicht einsam aufs Altenteil zurückziehen würde, war klar.

Wunschoma mit Organisationstalent

Ein Ehrenamt-Informationstag der Stadt Bergheim und der anschließende seniorTrainer-Lehrgang war die Rettung. Das EFI-Programm vermittelt „Erfahrungswissen für Initiativen“ und bietet engagierten älteren Menschen die Chance, neue Verantwortungsrollen auszuprobieren, sich weiter zu qualifizieren und ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen. Bei Christa Commer reifte der Gedanke, sich um Kinder zu kümmern. Für ihr Nachbarskind war sie schon längst die „Wunschoma“, mit der die heute 18jährige Shirin alles teilt, zusammen kocht, backt, lernt und einfach gern Zeit verbringt. „Sie findet mich allerdings etwas altmodisch, weil ich für ihre Aussteuer sammele“, lacht Frau Commer.

Ihre große Stärken Schreiben und Organisieren trieben sie noch in eine andere Richtung. Beim Aufbau des Stadtteilladens war sie voll im Element. Als Mitglied des Budgetbeirats konnte sie sehr von ihren beruflichen Kenntnissen profitieren. Zeitweise half sie auch bei der Kinderbetreuung, einer älteren Dame bei der Korrespondenz mit der Krankenkasse oder Mitbürgern bei Behördengängen. Seit anderthalb Jahren schreibt sie für das Bergheimer Seniorenportal lustige Geschichten aus der Nachbarschaft, erklärt fachkundig Rechtsthemen und erlebt gerade mit, wie ihre Idee einer Online-Dienstleistungsbörse laufen lernt.

Patin für Flüchtlingsfamilie

Zur Höchstform aufgelaufen ist die 67jährige allerdings bei der Flüchtlingshilfe der Kreisstadt Bergheim. Als im Stadtteilladen Freiwillige für Deutschkurse gesucht wurden, meldete sie sich sofort. Die städtische Initiative „Sprache von Anfang an“ stellt geschulten Sprachlehrern ehrenamtliche Helfer zur Seite, die die größtenteils erwachsenen Schüler verständnisvoll begleiten, bei Hausaufgaben, Prüfungsvorbereitungen und Alltagsfragen

helfen. Mit ihrem Schützling Ajaj Hussein Qasim, einem 29jährigen Jesiden aus dem Nordirak, paukt Christa Commer nicht nur Deutsch. Sie ist auch bei wichtigen Behördengängen dabei, organisiert Hausrat, Möbel und notfalls auch einen Partner fürs Schachspiel. Da Ajaj nur kurdisch und arabisch spricht, lief die Verständigung anfangs mit Händen und Füßen. Auf die Frage, wie sie als Lehrerin ist, antwortet er „gut“, sie „streng“. Diese Kombination hat wesentlich mit dazu beigetragen, dass der Psychologiestudent nicht mehr ganz so erschlagen ist von der Buchstabenvielfalt mancher Wörter und seine Deutsch-Prüfung mit Bravour bestanden hat.

Christa Commer hat Ajaj auch sein kleines Weihnachtswunder zu verdanken: Als nach acht Monaten trotz Einschaltung einer Anwältin noch immer nicht über seinen Asylantrag entschieden war, ließ sie nicht locker, bis Anfang Dezember etliche Schreiben und Telefonate später der positive Bescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ins Haus flatterte.

Wohnung dringend gesucht

Bei seiner Flucht über die gefährliche Balkanroute musste Ajaj seine schwangere Frau und die kleine Tochter zurücklassen. Den inzwischen geborenen Sohn kannte er lediglich von Fotos. Die einzige Möglichkeit in Kontakt mit den Lieben in der Heimat zu bleiben war – wie bei vielen anderen Flüchtlingen auch – das Handy. Ständig machte er sich große Sorgen um das Leben seiner kleinen Familie. Als er hörte, dass seine Frau sich von der Türkei aus mit den Kindern zu Fuß auf den langen Weg nach Deutschland gemacht hatte, gab es kein Halten mehr. Doch erst nach einer langen Odyssee konnte er sie in Dortmund in die Arme schließen und mit nach Quadrath-Ichendorf nehmen. „Zwei Tage vor Weihnachten stand meine „Ersatzfamilie“ plötzlich bei mir im Wohnzimmer“, erzählt Frau Commer.

Das Schönste für sie ist, inzwischen für die kleine Lama auch „Oma Christina“ zu sein und inzwischen auch eine Wohnung für ihre Schützlinge gefunden zu haben. Viel zu lange waren die Qasims in der Flüchtlingsunterkunft untergebracht. „Kein guter Ort für meine Kinder - fast jeden Tag kam die Polizei“, berichtet Ajaj über die Zustände. Der Wohnungsmarkt schien wie leergefegt, die Suche gestaltete sich extrem langwierig. Fuchsteufelswild macht es Christa Commer, wenn sie Zettel wie diese lesen muss: „Aufgrund der politischen Lage zurzeit keine Vermietung.“

Wie sie bisher immer alles geregelt hat, hat sie auch dieses Problem dank ihrer Hartnäckigkeit gelöst. Dass Christa Commer niemals Jura studiert hat, bereut sie heute. Aber eine leidenschaftlichere Anwältin könnten ihre Schutzbefohlenen ohnehin nicht finden.

Auskunft erteilen: Karin Neugebauer, Integrationsbeauftragte und Sabine Niehus, Ehrenamtskoordination

Telefon: 02271/89588 und 02271/89209

E-Mail: karin.neugebauer@bergheim.de und sabine.niehus@bergheim.de

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